Die Menschen lügen. Alle. Aber warum?

Epimenides, der Kreter, sagte einmal: "Alle Kreter sind Lügner.“ Das ist das sog. Epimenides-Paradoxon. Der, der sagt, alle Kreter lügen wie gedruckt, ist selbst ein Bürger Kretas. Also sagt er nicht die Wahrheit. Denn er lügt ja auch. Egal, wie man es rumdreht, man wird fast verrückt bei diesem Satz.

 

"Die Menschen lügen. (Punkt!) Alle. (Punkt!)" - Diese Binsenweisheit gab schon der Verfasser des jüdischen Gebetsbuches, der Psalmen, von sich. Das Zitat "Die Menschen lügen alle!" stammt aus Psalm 116 im Alten Testament. Warum aber lügen wir überhaupt? Oder sollte ich fragen: Warum wächst uns nicht immer eine Pinoccio-Nase?

 

Wussten Sie, warum Lügen kurze Beine haben? Nein? Naja, ist doch logisch: Nimm an, du hast jemanden angelogen, der merkt das, und die Verfolgungsjagd beginnt... Du kannst gar nicht schnell genug deine sieben Sachen packen und abhauen. Besser also ist es, die Beine in die Hand zu nehmen, wie man so schön sagt.

 

Doch noch einmal zur Frage zurück: Warum lügen wir eigentlich? Auf das Thema kam ich, als ich heute ein gefaktes kleines Video des US-Präsidenten sah. Man hatte Donald Trump einen Lügendetektor in Form eines Helmes auf den Kopf gesetzt. Vor ihm, am Rednerpult leuchtete in seinem Redefluss permanent das Wort "gelogen" auf, während "wahr" daneben lichtlos verblasste. Aber ist Trump der Einzige, der lügt? Lügen nicht alle Menschen? Ich bin Mensch, also lüge ich auch? Oder ist das jetzt wieder eine Lüge?

 

Nein, ich denke, wir kennen alle dieses Phänomen. Aber zwischen "lügen" und "lügen" muss man unterscheiden. Denn, wenn ich einen Teil der Wirklichkeit bzw. der Wahrheit (und was ist schon Wahrheit?) verschweige oder auslasse, dann lüge ich noch nicht! Bestimmte Berufe sind an die sog. "Schweigepflicht" gebunden und dürfen per se schon nicht alles sagen. Also: die bewusste Ausblendung eines Teiles der Wirklichkeit mag zwar auf den ersten Blick den Eindruck der Unwahrheit bestärken, aber ist bei näherem Hinsehen keine Lüge.

 

Als Lüge bezeichnen wir die Notlüge, die Lüge im Allgemeinen (ohne oder mit Vorsatz) und die Lebenslüge. Die Notlüge ist eine Reaktion aus einer gewissen Peinlichkeit heraus, gepaart mit einem Hauch Angst vor dem Ertapptwerden. "Ich war das nicht!", sagt sicherlich jeder Schüler wenigstens einmal in seiner Schulkarriere. Spätestens dann, wenn wir x-mal hintereinander beteuern, dass wir dies oder jenes nicht gemacht haben, niemals, auf keinen Fall, das kann gar nicht sein, also ich käme nie auf die Idee... sollten wir wirklich Zweifel hegen, ob hier die Wahrheit nicht der Lüge Platz macht.

 

Die allgemeine Lüge oder wie Heinz Sielmann in seiner Sendung "Expedition ins Tierreich" wohl mit der ihm eigenen Stimme gesagt hätte: die "gemeine Menschenlüge" ist in der Regel viel tiefgehender und gravierender. Denn sie erfolgt entweder aus der Befangenheit der Angst heraus als eine Art Schutzreaktion, oder aber aus (zuweilen krimineller) Absichtlichkeit - und fügt damit wissentlich und willentlich anderen Menschen, einer Institution oder einer Sache Schaden zu. Ein Cousin dieser allgemeinen Lüge heißt mit Nachnamen "Betrug".

 

Die Lebenslüge ist sicherlich jene Form der Unwahrheit, die mehr als nur eine Verdrehung der Tatsachen, Verschleierung der Wirklichkeit oder Behauptung von Falschaussagen ist. Die Lebenslüge (z.B. bei Hochstaplern, Heiratsschwindlern) schadet in erster Linie der Person selbst. Warum? Weil diese Person nicht wirklich im Hier und Jetzt leben kann. Der Film "Catch me if you can" mit Tom Hanks und Leonardo diCaprio zeigt, wie sehr man sich eine Welt voller Schein, Betrug und Lüge verstricken kann. Gewiss, man kommt damit eine zeitlang durch, aber ob man wirklich glücklich wird?

 

Hinter jeder Lüge steckt immer auch das Gefühl der Angst. Selbst, wenn ich bewusst lüge und anderen Schaden zufüge, werde ich vom Gefühl der Angst beherrscht: Ich komme zu kurz, fühle mich vielleicht weniger wert als andere, leide unter einer Ungerechtigkeit usw. Es ist letztlich die Angst gekränkt zu werden.

Wie aber können wir es schaffen, aus dem Schattenmuster der Notlügen, der allgemeinen Lügen oder gar einer Lebenslüge herauszutreten? Nun, die Antwort klingt verblüffend einfach: Wir müssen über genau diesen Schatten springen! Es braucht eine Portion Mut und eine Handvoll Menschen, denen ich vertrauen kann. Nur dann kann die Wahrheit ans Licht kommen, und ich gehe gestärkt aus dieser Erfahrung der Auflösung einer Scheinwirklichkeit heraus. Wenn ich öfter schon gesagt habe, dass jede Enttäuschung eine Täuschung weniger ist, dann gilt dies hier umso mehr! Denn in dem Moment, in dem ich die Wahrheit sage, löse ich eine Täuschung auf. Natürlich führt das im ersten Moment bei vielen Menschen zur Ent-Täuschung. "Wie, du? - Das hätte ich nie gedacht!" oder so ähnlich wird es lauten.

 

Der qualitative Zugewinn allerdings für mein Leben (und letztlich das der anderen) ist die Erleichterung. "So! Jetzt wisst ihr es. Jetzt ist es draußen!" - Diese Erleichterung löst jegliche Angst, jegliche Befürchtung ertappt oder erwischt zu werden, jede Anspannung und sämtliche Energie des "Aufrechthaltens" alter Muster mit einem Mal auf. Eine Befreiuung macht sich breit, ein wohliges Gefühl, selbst wenn wir wissen: Ich muss für das, was geschehen ist, die Verantwortung übernehmen und die Konsequenzen tragen. Nicht umsonst profitieren Straftäter von den berühmten "mildernden Umständen" bei einem Geständnis. Mit der Erleichterung entsteht auch eine andere neue Ressource im Menschen: die Authentizität. Ich werde ein wenig mehr ICH selbst.

 

(c) Rainer M. Müller (2020) / Foto: pixabay