Die hohe Kunst, sich nicht selbst zu überschätzen

"Es" steckt in vielen Menschen irgendwie drin. Andere haben es gar nicht oder in geringerem Maß. Die "es" nicht haben, denken ständig: "Ich kann das nicht! Die anderen sind so viel besser! Ich werde das nie schaffen!"

Jene, die "es" haben, glauben manchmal: "Ich kann alles. Ich bin unschlagbar. Ich weiß alles. Ich mache alles richtig. Nur die anderen machen alles falsch. Ich bin die Nummer Eins" ... oder auch "L'état, c'est moi!"

 

Was ist mit "es" gemeint? "Es" ist der Teil in uns, der zu Selbstüberschätzung neigt. Wenn dies ausartet oder sich unkontrolliert vom Bewusstsein verselbständigt, dann sprechen wir von einer Wahnvorstellung: Größenwahn oder Allmachtsphantasien sind Ausdrucksformen davon. Aber auch der Wunsch, die ganze Welt beschützen zu wollen ("Weltpolizei") oder sie sogar retten zu müssen ("Messias") sind Anzeichen dafür. Nun, letztlich geht es immer um eine Form von Macht durch Kontrolle (über Menschen / ein System).

 

Das kann krankhafte Wesenszüge annehmen. Diktatoren neigen dazu, aber hier und da auch der ein oder andere Präsident eines Landes (Hinweis: Jedwede Ähnlichkeit mit lebenden oder bereits verstorbenen Personen sind nicht zufällig, sondern bewusst als Anker gesetzt!) Aber auch Firmenchefs, Abteilungsleiter, Päpste in der Vergangenheit (z.B. Alexander VI.) - doch ... Kameraschwenk! Bleiben wir einfach bei uns, bei dir und bei mir.

 

Hattest du schon mal den Gedanken: "Wenn ich das nicht mache, dann wird das nichts mehr!" oder vielleicht in der Variante: "Lass mich mal, ich weiß, wie das geht!" - Es könnte aber auch sein, dass du sagst: "Immer bleibt alles an mir hängen!"  Perfekt. Dann gehörst du auch ein wenig dazu! Wie, du bist aber kein Präsident, kein Papst des Mittelalters und kein Firmenchef? ... Hey, wer sagt denn, dass das nicht noch was werden könnte... Es fängt nämlich meist ganz klein an, klingt dann etwa so: "Wenn ich mal groß bin, dann..." - Kennst du? Prima! Oder so: "Eines Tages, dann werde ich es euch allen zeigen!"   Welcome im System!

 

Genau so nistet der Wolf im Schafspelz. Gewiss klingt es recht unspektakulär, was wir Otto-Normal-Wahnsinnige alles von uns geben, aber manchmal flutscht mit uns auch der Allmachtsgedanke durch. Klingt komisch, ist aber so. Unser Gehirn signalisiert uns in diesem Moment eine ganze Reihe von Gefühlen. Es sind aber keine diffusen Gefühle, dass irgendwas im System (z.B. Gesellschaft, Politik, Wirtschaft, Arbeitsplatz, Schule, Familie, Beziehung etc.) schief läuft. Das wäre nämlich auch gar kein Gefühl, sondern eine Bewertung.

 

Nein, das Sammelsurium von Gefühlen lautet:

 

1. Ohnmacht in der Wahrnehmung der Situation und Entwicklung ("Keiner weiß und sagt, was zu machen ist!"),

2. dicht gefolgt von der Angst, die Kontrolle zu verlieren, weil das ganze Kartenhaus ohne mich bald schon zusammenbricht ("Houston, wir haben ein Problem!"),

3. damit verbunden das Verlustgefühl ("Wenn das schief geht, dann geht uns dies und jenes verloren!")

4. und schließlich die Enttäuschung über das misslungene Ergebnis ("Es war alles umsonst!")

 

Genau in solchen Momenten schalten wir den Notfallplan ein und denken: "Dann mach ich es halt allein!" oder auch "Dann muss ich halt mal wieder alles zurechtrücken!" - Gut, wenn das denn auch funktionieren würde. Meist  ist es aber so, dass wir sehr rasch an unsere Grenzen geraten. Die Tendenz zur Selbstüberschätzung geht oft mit einer inneren Selbstüberhöhung einher. Dann sehe ich tatsächlich keine "anderen" Alternativen mehr, keine weiteren Ressourcen (z.B. andere Menschen mit anderen Lösungen) und ich verweigere mich der Wirklichkeit, vor allem der Akzeptanz einer Realität, eben nicht alles bewerkstelligen zu können.

 

Wie kommen wir aus dieser "Persönlichkeitsfalle" der Selbstüberschätzung heraus?

 

Es gibt Menschen, die regieren, leiten und bestimmen gern allein. Genau an diesem Punkt liegt der Hund quasi begraben. Wer kein Teamplayer ist, der tappt irgendwann in die Falle der Selbstüberschätzung. Warum? Weil er keine Kontrollinstanz hat - und sie womöglich auch nicht duldet (Angst vor Kritik heißt dann: Jemand will mir das Leben nehmen!) Er lässt sich - im übertragenen Sinne - nicht gerne ans Bein pinkeln und weist Kritik von sich, will sie auch gar nicht hören. Er wird mit der Zeit einen "Beraterstab" um sich aufbauen, der ihn nur bestätigt (wir könnten auch sagen: regelmäßig anlügt). Aber jene Leute machen das zu einem hohen Preis: Sie wollen sich an den Sonnenstrahlen des Machthabers wärmen, wie einst der Adel, der sich um den französischen König Louis XIV in Versailles tummelte. Im Dunstkreis des Allmächtigen stehen und etwas von dessen Glanz und Gloria abbekommen heißt aber: sich selbst aufgeben. Doch wir wissen: Wer nicht gerade Hofnarr ist, sollte einem Alleinherrscher nie den Spiegel vorhalten.

 

Wer wirklich teamfähig ist und im Team arbeitet, der entscheidet nach jeder Beratung "cum consenso", also in Übereinstimmung, selbst dann, wenn es eine Minderheit gibt, die dagegen war - aber sie trägt die Entscheidung eben mit! Er legt seine Visionen und Teilschritte einer Entwicklung vor, bittet andere um konstruktive Vorschläge und kann mit Kritik umgehen. Ich sage manchmal scherzhaft: "Wenn mir schon jemand ans Bein pinkelt, dann bitte aber mit Flüssigdünger."  Damit meine ich: Kritik ist absolut hilfreich, wenn sie weiterführt. Um mich vor Selbstüberschätzung zu bewahren und andere vor meiner Willkür zu beschützen, muss mein Denken, Entscheiden und Handeln transparent sein.

 

Darüber hinaus ist es gut, wenn man die Gabe besitzt, sich regelmäßig im Spiegel zu betrachten. Nicht, um den letzten Schönheitsschliff anzulegen, sondern um sich seinem wahren Selbst / Ich zu stellen. Bei allen Entscheidungen, so hört man hier und da, fragen sich manche, ob sie sich selbst noch im Spiegel anschauen können. Wer daher diesem selbstkritischen Blick ausweicht, der hat's in der Tat umso nötiger! Meine Empfehlung: Ein Coach, Therapeut oder Supervisor ist hierbei immer ein guter Ansprechpartner!

 

(c) 2020, Rainer M. Müller, www.gestaltgeben.com