Die Entdeckung der Entschleunigungszeitlupe

Der frische heftige Wind der letzten Tage tat gut. Er hat Pollen und Blüten kräftig aufgescheucht und die Atmosphäre angenehm "bereinigt". Einatmen... klare Luft... oahaaaa....

 

Ob das Corona-Virus sich je gefragt hat, was es alles  auslöst, wenn es sich aus-löst? Jedenfalls löst es bei mir aus, dass ich plötzlich die keimende Natur viel intensiver und verdichteter wahrnehme. Als würde ich kontemplative Exerzitien im Alltag machen, also im Gänseschritt und Schneckentempo die Welt erobern...

Beim Gassigehen mit meinem Hund Leo bleibe ich ohnedies oft stehen - allein nur, damit er überall seine Nase reinhängen (und eigene Markierungen hinterlassen) kann, was bei mir wiederum Allergieschübe auslösen würde. Rumschnüffeln an Gräsern ist nicht so mein Ding. Aber jetzt bleibe ich stehen und staune (mit Sicherheitsabstand) zuweilen über das, was ich sonst nicht entdeckt habe:

 

die NATUR!

 

Das klingt bescheuert. Ich weiß. Dabei bin ich eh jemand, der sich an der Natur erfreut. Aber jetzt sehe ich nicht nur in unserem Hochbeet, wie alles langsam entsteht und gedeiht, sondern - weil wir ja Zeit haben und daheim bleiben müssen - ich entdecke auch mit der Entschleunigungszeitlupe, wie sich die Natur überall "durchdrückt". Keimlinge, Setzlinge... die quetschen sich mit Power durch ihre Schalen heraus und stoßen sich nach oben an die Erdoberfläche, vorbei an handgroßen Steinsbrocken, die für so einen kleinen Samen wie ein alpines Gebirgsmassiv sein müssen.

 

Und dann - in diesem Wind - richten sich der Halm und seine zarten Blätter auf, fest verwurzelt, ein paar Millimeter ... und steht! Und wächst! Dabei denke ich mir: Mann o Mann, die Natur ist fest in sich ruhend und ein kleines Virus bringt uns Menschen so aus der Fassung, lässt uns am Rädchen drehen, wirbelt unser Leben komplett durcheinander, zerstört unsere Sicherheiten, lässt uns in Hektik nach Lösungen suchen usw. Verrückte Welt...

 

Auf dem Weg sehe ich diesen Baum an der Straße (siehe Foto). Weiter oben hat man ihm seine Arme abgesägt. Gut, verstehbar, es waren wohl welche, die uns Fußgängern und Autofahrern sonst auf den Kopf gedonnert wären. Aber Der Baum lässt sich die eingrenzende Beschränkung nicht gefallen. Er setzt sich durch! Er sucht nach neuen Wegen. Und drückt und drückt ... und da ist er - der neue Zweig.

 

Ich bin davon felsenfest überzeugt, dass wir Menschen mit der gleichen Erfahrung aus der Corona-Krise hervorgehen werden. Wenn wir was gelernt haben (wenn!), werden wir achtsamer, etwas demütiger, widerstandsfähiger und vorsichtiger sein, weniger fahrlässig, dafür mehr solidarisch ... oder wir bleiben einfach nur strohdumm. Dann ist es besser, die Natur erobert - wie die Wildschweine in Israels Großstädten - unsere Herrschaftsgebiete ganz zurück und der Mensch bleibt eine vorübergehende Erscheinung, eine "Homo-Morgana" quasi. Aber ich fände das schade, denn der Mensch kann auch ein wunderbares, intelligentes Wesen sein. Charmant und achtsam, liebevoll und zärtlich... Ackerbauer und Viehzüchter, Mann und Frau, kindlich und erwachsen, gesund und krank... Womit wir beim Thema werden: Bleiben Sie gesund! Oder müsste ich sagen: Werden wir alle jetzt gesund an Erkenntnis?!

 

(c) 2020, Rainer M. Müller