Ich weiß, ihr hasst mich jetzt schon!

An die Menschheit!

Ich weiß, ihr hasst mich jetzt schon. Das tut mir auch nicht wirklich leid. Denn ... dazu bin ich in der Welt. Ich konnte mich nur aufgrund eurer Lebensweise entfalten. Ihr ward unvorsichtig. Selten habe ich eine Spezies gesehen, die so gierig ist! Nur Konsum! Nur Egoismus! Ihr macht die ganze Welt kaputt! Die Luft - da erstickt man schon beim Gedanken, so verpestet ihr diesen Planeten.
Nein, hört auf zu jammern, ihr tragt selbst schuld! Würdet ihr diese Erde nicht so zerstören, hätte ich nicht so viele Einfallstore gehabt. Wer ich bin? Corona ist mein Name. Und ich bin nicht die Patronin der Seuchen. Ich bin das Virus, das sich überall verbreitet. Genau deshalb hasst ihr mich! Und gleichzeitig bewundert ihr mich! Ihr habt Respekt vor mir, weil ihr nicht wisst, wo ich überall lauere. Ihr wollt Krieg gegen mich führen? Gerne doch - fangt mich erstmal! Medikamente? Ha! Die müsst ihr erst mal erfinden!

Ihr glaubt, ihr seid so groß und erhaben... die "Krone" der Schöpfung... Wissenschaft über alles? Alles im Griff? Ach ja? Es reicht doch, dass ich - so winzig klein - euch überfalle und infiziere... und jetzt? Jetzt habt ihr Angst! Ich weiß, Angst ist kein guter Ratgeber, aber in diesem Fall könnte sie euch zur Vernunft bringen! Das ist meine Aufgabe. Euch zur Vernunft bringen!
Ich bin gespannt, was ihr alles macht, damit ich mich zurückziehe. Manche haben es schon begriffen. Andere halten alles für einen Witz. Nun.. wer von uns zuletzt lacht, lacht am besten...

Euer Corona-Virus

Die Welt steht still. Also fast jedenfalls. Die Straßen sind zumindest leerer, fast gespenstisch. Alles fällt aus, die sozialen Netzwerke laufen heiß. Wie gut, dass wir global vernetzt sind - jedenfalls auf den virtuellen Datenautobahnen. Im wirklichen Leben hat uns die globale Vernetzung innerhalb weniger Wochen eine Pandemie beschert. Es ist, wie es ist. Schuldige zu suchen oder Verschwörungstheorien noch mehr zu beschwören, ist nicht nur lächerlich, sondern kontraproduktiv.

Wir stecken die Energie in die Suche nach Lösungen auf politischer sowie medizinischer Ebene und persönlich. "Daheim bleiben!" - das ist jetzt erstmal angesagt. Gib Corona keine Chance! Vor zwei Jahrzehnten stand da noch AIDS. Die Welt hat sich gedreht. Und jetzt steht sie irgendwie still, kommt zur Ruhe, atmet auf, während wir uns zurückziehen. Vielleicht musste das jetzt sein. Eine wichtige Lektion. Wenn der Mensch ohne Macht ist, kann die Natur aus sich heraus wirken.


Allerdings ticken wir Europäer anders als Asiaten. Ein Freund von mir in Shanghai, der dort nun eine Woche in Quarantäne war, nachdem er mit seiner Familie aus Europa zurückgereist war, erzählt mir: Die Asiaten sind kollektivistisch. D.h. sie sind es gewohnt, dass "jemand" den Ton angibt (Regierung) und alle befolgen, was das Gebot der Stunde ist. Europäer und Amerikaner sind individualistisch. Jeder will für sich überleben. Wozu auch immer man Klopapier hortet, bleibt mir deshalb verschlossen, aber es ist wohl die Angst, mit der "Sch..." allein fertig werden zu müssen. Oder was steckt dahinter?

Nein, wir - also meine kleine Familie aus Partner, Hund und Katzen - horten nichts. Keine Hamstereinkäufe. Skuril: Heute brauchte ich tatsächlich eine Packung Klopapier und kam mir an der Kasse total bescheuert vor! Aber wir haben nur noch zwei Rollen. Egal. Da musste ich durch. Ich habs geschafft.

Doch was lernen wir aus der Krise? Wenn nicht gerade US-Bürger wild um sich schießen (wie kann man nur Waffen und Munition hamstern?), ein Bürgerkrieg um die letzten Nudeln und Klopaier bei Aldi und Lidl entfacht wird, und Menschen einander das Zeug aus dem Einkaufswagen rauben... dann haben wir eine reale Chance: Dieser Virus will uns etwas sagen. Wie in dem Brief zu Beginn. Corona will uns wachrütteln. Mehr als das: Corona will uns zur UMKEHR bewegen, und das kann in dieser besonderen Fastenzeit nur eines bedeuten: Hinwendung zu einem neuen Lebensstil. Aber ich befürchte, es ist wie beim Autofahren. Wir fahren zu schnell, werden geblitzt. Ärgern uns, kassieren ein Bußgeld und Punkte in Flensburg. Fahren für 10 km dann langsamer, dann geben wir wieder Gas...

(c) Rainer M. Müller