Mikroexpressionen sprechen mehr als 1000 Worte

Der Blick ist einfach genial, oder? Winfried Kretschmann, der grüne Ministerpräsident Baden-Würtembergs, kann sein Gesicht mit genialen Mimiken kleiden. Es genügt, seinen Namen bei einem Suchprogramm einzugeben und ab geht die Post. Lachend, überlegend, entschlossen, betroffen, zielstrebig, selbstbewusst, erschüttert oder wie hier: skeptisch. 

Im Bruchteil von Sekunden wechseln wir am Tag mehrfach unsere "Mikroexpressionen", also die vielen kleinen Ausdrucksformen, mit denen wir mehr sagen als 1000 Worte es können. Sie werden auch "Mikormimiken" genannt.

Obwohl die TV-Serie rein fiktiv und sicher auch schon in die Jahre gekommen ist, so kann ich sie doch nur wärmstens empfehlen: "Lie to me". Der fiktive Dr. Lightman (er bringt halt Dinge ans Licht!) macht beruflich und auf wissenschaftlichem Niveau nichts anderes: Er studiert Gesichtsausdrücke, kleinste Regungen in der Mimik. Am besten - so erfährt man denn in jeder Serie - sind solche Mikroexpressionen in hochauflösenden Videoaufnahmen, in Zeitlupe abgespielt, zu erkennen. Gerade Profiler im Bereich der Kriminalität machen genau das: Wie sagt wer was? Mit Trauer oder Ekel oder Verachtung? Oder eher mit Interesse und Neugierde, oder doch Genugtuung? Das alles in nur Bruchteilen von Sekunden.

 

Ein Beispiel: Stellen Sie sich einfach nur vor, jemand klingelt an Ihrer Tür und sagt: "Hallo, ich bin Gott!" oder "Hände hoch, Überfall!" - Skepsis, Schrecken, Angst, Panik? Oder halten Sie das eine wie das andere für einen Witz? Wie würden Sie schauen? Augenbrauen nach oben gezogen, offene Pupillen, Mundwinkel nach unten (nicht wie Frau Merkel! - das wäre ja Skeptizismus pur) oder angedeutetes (erzwungenes Lächeln)?

Solche Mikroexpressionen nehmen wir in der Regel unbewusst wahr. Aber sie steuern uns. Denn tatsächlich entscheiden auch wir in Sekundenschnelle, ob wir jemandem glauben oder nicht. Wir stehen vor einem Menschen, er sagt uns etwas - und im selben Moment entnehmen wir seiner Mimik: Er lügt ohne rot zu werden... Aber das kleine hämische Grinsen, eine Millisekunde am Ende der Aussage, lässt uns wissen: Alles erstunken und gelogen! Mikromiken lassen sich eben nur schwer unterdrücken. Das berühmte "Pokerface" ist tatsächlich also keine Mimik, sondern eine Einfrierung von Gesichtszügen. Und doch... da war dieses kurze minimale erstaunte Zusammenzucken der Augenbrauen... Also doch "High Card".

 

Für Gespräche in der Politik, Wirtschaft, in der Psychotherapie, bei diplomatischen Verhandlungen, in Verkaufssituationen (Kunde-Verkäufer) und im Täterprofiling in der Kriminalistik ist das Wissen um solche Minimalen Veränderungen unserer Ausdrucksformen entscheidend... und ganz nebenbei: Auch mein Hund kann mittlerweile sehr gut an meinem Gesicht ablesen, was ich denke oder was gleich an Donnerwetter kommt. Und selbst er stand heute mit großer Skepsis im Schnee vor dem Apfel, den ich ihm anbot. Der Schnee hatte ihn verschluckt... er suchte und suchte ... eiskalt... Aber ... letztlich siegte der Hunger und hinterher sah er gleich wiedere so hungrig aus wie zuvor. Diese Mikroexpression kenn ich schon - und auf sie sollten Hundebesitzer niemals reinfallen!

 

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