Das Recht auf Menschwerdung

 

Am gestrigen Dienstag war der TAG DER MENSCHENRECHTE. Irgendwie ist er an mir vorbeigegangen. Fast unbemerkt. Dabei geht der Verstoß gegen die Menschenrechte an betroffenen Menschen nie unbemerkt vorbei. Im Gegenteil: Vergewaltigung, Inhaftierung, Unterdrückung, Folter, Missbrauch, Mord - die Liste ist lang. Ebenso die Liste mit den Namen derer, die Opfer der Menschenrechtsverletzungen weltweit sind.

Das Weihnachtsfest naht und damit die jährliche Wiederholung einer scheinbar rührseligen Erzählung von einer Flüchtlingsfamilie aus Palästina. Die familiären Umstände sind bereits schwierig genug, da niemand weiß, von wem das Kind stammt, der Mann viel älter als die Frau ist, er sie eigentlich verlassen wollte, die Frau eigentlich ein Mädchen und im Grunde minderjährig. Auf der Flucht, gesucht, in der Gefahr, das Leben zu verlieren. Ausgerechnet das Kind wird als Erwachsener Opfer der Menschenrechtsverletzung, Lynchjustiz über Nacht durch sein eigenes Volk, doch die Täter sind immer "die anderen" und waschen sich die Hände in Unschuld. Der Mann, der als Erwachsener für die Wiederherstellung der Menschenrechte sorgt, hätte fast selbst kein Recht auf Menschwerdung erhalten.

In Los Angeles wird dies jetzt auf dem Gelände einer Methodistengemeinde auf anschauliche Weise präsentiert. Jesus, Maria und Josef stehen bzw. liegen in getrennten Käfigen, Stacheldraht über ihren Köpfen. Das Kind in der Krippe in eine Rettungsdecke eingewickelt. Die Einwanderungspolitik von Donald Trump steht im Visier. Hintergrund sind die Flüchtlingsfamilien an der mexikanischen Grenze, die in den USA Zuflucht suchen, oft voneinander getrennt und inhaftiert werden.

Würde es der Familie aus Nazareth heute nicht genauso ergehen? Das "Türzuschlagen" von einst durch die Wirte - wie es immer so "nett" in den Krippenspielen veranschaulicht wird - geschieht heute durch Präsidenten, Polizei und Armee. Seit Mitte 2017 sind Tausende Kinder über längere Zeit von ihren Eltern getrennt worden, als diese ins Land einwandern wollten. Der Rechtshilfeverband ACLU spricht von mehr als 5.000 Minderjährigen.

 

Weihnachten ist für mich schon lange nicht mehr nur das romantische Winterfest mit Tannenbaum, Festessen, Geschenken und Schnee. Es hat eine politische Dimension erhalten, und die Geschichte unserer Flüchtlingsfamilie aus Nazareth ist aktueller denn je.

Der Menschenrechtsprophet Jesus von Nazareth weiß aus eigener Erfahrung, auch als Kind, was es bedeutet, auf der Flucht zu sein, ohne Heimat, verfolgt zu werden, unter ständiger Mordandrohung zu leben und letztlich nach grausamer Folter qualvoll sterben zu müssen. Umso mehr war sein Anliegen, den Menschen eine Hoffnung und spirituelle Heimat zu geben. Je mehr Menschen aus der Gesellschaft ausgeschlossen wurden, umso mehr nahm er sich ihrer an. Je mehr sie am Rand der Gesellschaft standen, umso mehr rückte er sie in die Mitte. Je mehr sie verurteilt wurden, umso befreite er sie von allen Leiden und der ihnen auferlegten Schuld.

Das Kind in der Krippe, so nett auch die Krippenlandschaft gebastelt sein mag, ist und bleibt ein Flüchtlingskind. Unromantisch? Ja! Und wir? Sind wir Zaungäste - im wahrsten Sinne des Wortes?


Rainer M. Müller (c) 2019