Riskanter Rachefeldzug im Osten ?

Martin Luther würde sich wohl im Grabe rumdrehen. Vermutlich. Angesichts des Rechtsrucks in Thüringen...

 

Oder vielleicht auch nicht...

 

Denn auch er publizierte seinerzeit fleißig antisemitische Äußerungen in Briefen, Vorlesungen und Büchern. Manche seiner Auftritte würden heute ebenso vom Verfassungsschutz beobachtet und die Akten seiner Schreibstube beschlagnahmt werden, wie dies bei gewissen Parteigenossen der AFD geschieht und (noch mehr) geschehen müsste. Zwar mag Luther als Kind seiner Zeit durchgehen, dennoch: Seine "Judenschriften" sind aus christlicher Sicht nicht verzeihbar. Doch dafür muss Luther selbst Verantwortung übernehmen ... und sich rechtfertigen.

 

Was aber bleibt, ist die Frage, ob Luther heute (!) gegen die Hetze und Parteipropaganda von Höcke(ls) hinwegsehen könnte! Über die Religion jedenfalls bräuchte sich Luther nicht mehr auslassen. Die ist im Osten ohnedies - anders als die Sonne - im Untergang begriffen. Aber nicht nur im Osten. Die "Sonne der Gerechtigkeit" des Abendlandes stellt ihr Leuchten langsam ein, als ob der "liebe Gott" persönlich den Dimmer nach unten dreht. Denn: zur Zeit verdunkeln sich die Gehirnhälfen vieler ostdeutscher Bürger, und ein beängstigender Schatten legt sich auf die wunderschöne Landschaft des Thüringer Waldes. Ja, so schrieb ich dieser Tage noch jemandem, ich hätte mitwählen können, wäre ich nicht nach Bayern gezogen. Doch meine Stimme hätte den demokratischen Braten nicht mehr fett gemacht.

 

Der Eilzug der "antiken Volksherrschaft", die nach dem Mauerfall im Osten auf gute Gleise gesetzt wurde,  bewegt sich gerade mit zunehmender Geschwindigkeit in eine nicht auszumalende Katastrophe. Die Weichen scheinen gestellt, die roten Signalleuchten werden übersehen. Was in den kommenden Jahren passieren kann? Ein Aufstand des Volkes? Äh, Moment: "Wir sind das Volk!" - wer war das nochmal? Handelt es sich tatsächlich um das gleiche Volk, das 1989 in Montagsdemos und am 9. November vor 30 Jahren friedlich, ohne Blutvergießen und mit der Kraft der Solidarität das  kommunistische Gefängnis sprengte und in die Freiheit zog, wie einst Mose und die Israeliten im alten Ägypten, wie es uns der biblische Mythos berichtet?

 

Die Wahlergebnisse und Analysen zeigen: Es ist die Generation, die - wenn überhaupt - gerade mal als Windelkinder den Mauerfall erlebte und jetzt so nach rechts abdriftet. Es sind junge Leute, die nichts, aber auch wirklich nichts dafür getan haben, dass sie jetzt in einem freiheitlichen Land leben können. Es sind jene jungen Leute, die vom Wiederaufbau Ost profitiert haben, frei ihren Studienplatz wählen können, von keinem Geheimdienst beobachtet werden und sich überall hinbewegen können. Genau jene jungen Leute sind es, die noch keinen Krieg erleben mussten, um eine Ahnung zu haben, was unsere Großeltern und Eltern in den Jahren bis 1945 schon alles erlebt haben. Es sind jene jungen Leute, die auch kein Wirtschaftswunder nach dem Krieg auf die Beine stellten. Von alldem profitieren sie - wie ich auch. Auch ich lebe auf Kosten der positiven Geschichtsentwicklung meiner Vorfahren. Und ich schätze diese Leistungen meiner Landsleute in Ost und West!

 

Nein, wir dürfen niemals Menschen über einen Kamm scheren. Keine Pauschalisierungen, das wäre fehl am Platz. Das ist mir klar! Aber wo sind die Stimmen derer, die gegen die Rechtstendenzen im Osten wie einst Luther das Maul aufmachen? Wo sind die Politiker, die den Leuten aufs Maul schauen und ihren Ängsten etwas entgegenzusetzen haben? Wenn eine Volkspartei wie die SPD unter 10% rutscht und die übrigen großen Parteien sich mit knapp über 20% zufrieden geben und beklagen, dass so viele Wähler abgewandert seien, dann bleibt mir nur die Frage: Was muss denn noch alles passieren?

Unter den vielen Fragen beschäftigt mich eine besonders - auf die ich noch keine Antwort finde: Womit wurden unsere ostdeutschen Bürger und Bürgerinnen so sehr gekränkt, dass sie mit der AFD einen so riskanten Rachefeldzug starten? Denn: einen solchen Rachefeldzug und Aufstand gab es in der Geschichte 1524 schon einmal: Die "Bauernkriege" nämlich, die u.a. auch in Thüringen starteten (aber nicht nur dort!). Martin Luther wollte diese Aufstände des "gemeinen Mannes" auch nicht. Als er seine Folgen sah, bereute er so manche seiner Reden und Schriften. So erzählt man sich.

 

Ob ein Höcke - und wie sie alle heißen - das eines Tages auch tun wird?