Der unbekannte Bundes-Osten

Zig Mal bin ich in den vergangenen Wochen und Monaten über diese Brücke gefahren. Jedesmal habe ich mir vor Augen gehalten: Vor 30, 40, 50 Jahren sah es hier noch ganz anders aus! 1936 wurde sie bereits gebaut. 300 Arbeiter, 3 Millionenn Reichsmarkt. Am 13. April 1945, kurz vor Ende des Krieges, wurde sie durch eine Sprengung für 21 Jahre unpassierbar. Am 3. Oktober 2006 erhielt sie in ihrer neuen Fassung den Namen: "Brücke der Deutschen Einheit". Sie verbindet Bayern mit Thüringen. Ich meine die Saalebrücke bei Rudolphstein auf der A9.

Bei meiner letzten Fahrt am gestrigen Dienstag leuchtete mir ein Regenbogen nach der Brücke entgegen. Naturschauspiel für die einen, Erinnerung an den Bund zwischen Gott und Mensch nach der großen Sintflut in der Noach-Geschichte für die etwas Frommeren.

Doch der "BUNDES-Bogen" des Alten Testamentes lässt mich unweigerlich an die jetzige BUNDES-Republik denken. Tag der Deutschen Einheit - 1989 war der Mauerfall. Genau 30 Jahre ist das her. Ich war gerade mal 20. Immerhin: 30 Jahre später habe ich für 1 Jahr (leider nur!) den Osten erlebt. Vor allem: ich bin Menschen in Ostdeutschland begegnet. Solche, die von DDR und SED und Mauer mehr als nur eine Ahnung haben!

 

Frei heraus: Ich muss eine Lanze brechen für den Osten! Am Vorabend des deutschen Einheitstages ist mir wichtig zu sagen, dass wir "Wessis" den Osten verkennen. Wir haben noch immer einen herablassenden Blick, machen uns noch immer über den Dialekt der Sachsen lustig - wobei ich meinen eigenen Dialekt ("saarländisch") auch nicht gerade prickelnd finde. Wir denken als Wessis und haben den Erfindergeist und die Kreativität der Ossis nie honoriert. Wir kamen, sahen und ... überrumpelten, wussten alles besser. So haben es viele "drüben" erlebt. Viele kamen sich minderwertig vor und manche Wirtschaftsbosse ließen das unsere ostdeutschen Bürger auch spüren.

Doch der Osten ist mehr! Landschaftlich wunderschön. Da kann man ins Schwärmen kommen! Vor allem rede ich jetzt von Thüringen, wo ich gewohnt habe. Die Wälder, die reizenden, restaurierten Städtchen, ich denke gerne z.B. an Naumburg zurück mit den Naumburger Meistern, die im Dom so wunderbare Dinge erschaffen haben. Oder denken wir an Weimar, wo vor 100 Jahren in der Nationalversammlung die Deutsche Republik geboren wurde! Denken wir an Schiller und Goethe, an Luther, Bach, Elisabeth von Thüringen und und und. Die Liste der großen (Ost)-"Deutschen" ist lang. Ja - der "Deutschen"! Ich habe das Gefühl, man hat uns Wessis manchmal um die Geschichte des Ostens betrogen. Als Kind sah ich nur den (Saarländer !) Erich Honnecker, der mit seinem seltsamen Tonfall von der nie endenden "Deudschen Demogradischen Rebubligg" sprach... kein lobenswertes Exportprodukt meiner Heimat.

Nein, und nochmal nein: Die BUNDES-Republik hat einen Bundescharakter! Über Wessis und Ossis steht der Regenbogen als Verbindungsbogen. Wir müssen das schaffen, EIN Volk zu werden und einander wertzuschätzen. Aber manchmal denke ich: Wir benehmen uns wie zwei Geschwister, die beide in einer anderen Pflegefamilie groß wurden. Was werden wir tun, wenn wir uns irgendwann wahrhaftig begegnen?