Die hohe Kunst der Wertschätzung

Mit Freude habe ich im österreichischen Fernsehen über Jahre die Satire-Talkshow "Wir sind Kaiser" mit Schauspieler Robert Palfrader in der Rolle des fiktiven Kaisers Robert Heinrich I. und seinem Obershofmeister Seyffenstein, gespielt von Rudolf Roubinek, gesehen. Von da an wusste ich, die Österreicher können über ihre gelegentlichen Monarchie-Rückfälle doch schmunzeln und witzeln. Nicht alle freilich, denn es gibt genügend, die es ernst meinen und in Bad Ischl den Sissi-Franzl-Heiligenkult betreiben.

 

Doch zurück zur Talkshow: In dieser Sendung waren internationale Prominente bei seiner "Majestät" in einer Audienz zu Gast, und dieser brillierte mit einer geheuchelten Wertschätzung, die letztlich sarkastische Verballhornung des Gastes war. Dabei griff Robert Heinrich I. als Kaiser - perfekt in Form einer Persiflage von Palfrader in Szene gesetzt - am Ende eines jeden Interviews mit seinem Gast einen Satz des echten Kaisers Franz Joseph I. (1830-1916) auf, der - um sich nie wirklich beim Loben festlegen zu müssen, aber dennoch Wertschätzung für seine Untertanen zu zeigen - stets zu sagen pflegte: "Es war sehr schön, es hat Mich sehr gefreut." Der Schauspielerkaiser ließ es aber dabei nicht bewenden, sondern sagte es auf seine Weise: "Es war schön, dass ER da war. Es hat UNS sehr gefreut, aber... ER muss auch a bisserl brav sein..."

 

Man muss schon einige Zeit in Österreich gelebt haben, um zu verstehen, dass ein Österreicher es als Kompliment versteht, wenn er jemandem sagt, dass dieser "recht brav" ist. Deutsche auf der anderen Seite der Grenze, können da nur staunen. Denn das Wort "brav" benutzen wir allenfalls bei sehr kleinen Kindern und (wenn überhaupt) bei einem Haustier, dass "ganz brav" war.

 

Ob die Formulierung als Wertschätzung geeignet ist, stelle ich in Frage. Wo immer stereotyp der Satz kommt "Es hat mich sehr gefreut, es war sehr schön", da kann schon mal Zweifel aufkommen, ob es ernst gemeint ist. Ich selbst erinnere mich an einen schon verstorbenen Weihbischof, der bei Visitationen am Ende der Gottesdienste immer zu sagen pflegte: "Ein guter Mann!" - Damit drückte er für JEDEN Hauptamtlichen seine Wertschätzung aus. Ernst nehmen durfte man das freilich nicht.

 

Die Kunst der Wertschätzung ... die geht wohl doch etwas anders. Natürlich gibt es auch solche Chefs, die permanent loben und auf die Schultern klopfen. Andere hingegen sagen nichts. Darauf angesprochen kommentieren sie: "So lange ich nichts sage, ist alles bestens." Auch diese beiden Varianten sind indiskutabel.

 

Wertschätzung sieht im anderen Menschen einen hohen Wert als Mensch. Sie schätzt dessen Verhalten, Charakter, Eigenschaften und Talente wohlwollend ein. Wertschätzung ist nie heuchlerisch, sondern ehrlich gemeint. Sie ist konstruktiv, nicht vernichtend. Sie besteht manchmal eher aus kleinen Zeichenhandlungen, denn aus großen Worten. Wertschätzung zeigt sich vor allem im Umgang mit dem Anderen. Eine echte Rückmeldung, die durchaus auch kritisch sein darf, sollte mit Lob beginnen und enden. Wertschätzung gegenüber Mitarbeitern in einer Firma hat nichts mit Komplimenten zu tun, die falsch verstanden werden können ("Sie sehen wieder bezaubernd aus!")
Wertschätzung sieht im Anderen auch das Potential, das noch nicht ausgebaut ist. Nicht im Vorbeigehen drückt man Wertschätzung aus, sondern indem man sich Zeit nimmt, ein paar Zeilen schreibt, sich bedankt, oder jemanden einlädt, zum Essen, auf ein Bierchen oder ein Glas Wein. Doch nichts geht über das ehrliche Wort der Dankbarkeit, der Anerkennung, der Mitfreude. Die hohe Kunst der Wertschätzung hält es auch aus, wenn das Gegenüber eben nicht "brav" ist, aber dafür authentisch.

Das Thema nächste Woche: "Verdammt noch mal! Ich bin gelassen!"