Das Guthaben. Oder: Alles hat seine Zeit

Tick tack, tick tack... Wenn es manchmal ganz still ist, dann kann man die elektronische Küchenuhr ticken hören. Das geht dem ein oder der anderen gewaltig auf den Zeiger. Zeit ist Geld. Das suggerieren uns zumindest die Wirtschaftsbosse und drücken auf die Tube. Allein im Bereich der Gesundheitspflege wird vieles in Zeit gemessen. Wie lange braucht man, um einen kranken alten Menschen zu waschen? Wie lange darf ein Hausbesuch mit dieser oder jener therapeutischen Maßnahme dauern?

Zeit ist ein kostbares Gut, vielleicht der kostbarste Rohstoff überhaupt. Wie haben Menschen das eigentlich gemacht, als es noch keine Uhren gab? Die Menschen haben sich nach der Sonne gerichtet. Im Winter wurde weniger lang gearbeitet als im Sommer. Wer in alten Klöstern den Weckdienst hatte, schlief nahe einer Kerze, die eine gewisse Länge hatte. War sie in der Nacht abgebrannt, war es Zeit die Glocke zu läuten. Ansonsten aber richtete man sich nach dem Stand der Sonne. Ob die Menschen relaxter waren als wir, die wir alle paar Sekunden auf unser Handy schauen (wer trägt noch eine Armbanduhr?)...

 

Machen wir ein kleines Gedankenexperiment (für die, die es schon kennen, einfach zum nächsten Absatz springen). Stellen Sie sich vor, dass Ihnen jeden Morgen eine Bank 86.400 Euro auf Ihrem Konto zur Verfügung stellt. Jeden Tag. Aber die Bank knüpft dieses tägliche Geschenk an zwei Regeln: Die erste Regel ist: Alles, was Sie im Laufe des Tages nicht ausgegeben haben, wird Ihnen wieder weggenommen, Sie können das Geld nicht einfach auf ein anderes Konto überweisen. Sie können es nur ausgeben. Aber jeden Morgen, wenn Sie aufwachen, sind wieder 86.400 Euro für den kommenden Tag eingezahlt. Zweite Regel: Die Bank kann das Spiel ohne Vorwarnung beenden, zu jeder Zeit kann sie sagen: Es ist vorbei. Das Spiel ist aus. Sie kann das Konto schließen und Sie bekommen weder ein neues Konto, noch neues Geld. Was würden Sie tun? Würden Sie sich alles kaufen, was Sie schon immer wollten? Vielleicht denken Sie auch nicht nur an sich selbst, sondern auch an andere Menschen, die Ihnen nahe stehen? Vielleicht tilgen Sie alte Schulden? Vielleicht geben Sie sogar Menschen Geld, die Sie nicht kennen, allein schon deshalb, weil Sie das viele Geld niemals nur für sich allein ausgeben könnten. Vielleicht würden Sie versuchen, jeden Cent irgendwie zu investieren. Denn: der Rest verfällt. Natürlich macht das keine Bank dieser Welt! Aber tatsächlich wird uns jeden Tag unser Leben neu anvertraut mit exakt 86.400 Sekunden. 24 Stunden mal 60 Minuten mal 60 Sekunden. Nichts davon können wir irgendwo speichern oder als eiserne Reserve auf die hohe Kante legen. Was weg ist, ist weg. Wenn der Tod vor der Haustür steht, ist die Zeit abgelaufen. Die Zeit vergeht ohnehin wie im Flug. Es ist also an uns, unsere Zeit sinnvoll zu nutzen!

Der Lateiner sagt "Carpe diem" und meint damit "Pflücke, nutze den Tag, die Zeit, die du hast." Aber, machen wir das eigentlich? Wir verplanen ja sogar unsere Freizeit. In der Bibel gibt es einen Schriftsteller - Kohelet / Prediger - der im dritten Kapitel seines Buches folgendes schreibt:

Alles hat seine Stunde. Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit:
eine Zeit zum Gebären und eine Zeit zum Sterben, eine Zeit zum Pflanzen und eine Zeit zum Ausreißen der Pflanzen,
eine Zeit zum Töten und eine Zeit zum Heilen, eine Zeit zum Niederreißen und eine Zeit zum Bauen,
eine Zeit zum Weinen und eine Zeit zum Lachen, eine Zeit für die Klage und eine Zeit für den Tanz;
eine Zeit zum Steinewerfen und eine Zeit zum Steinesammeln, eine Zeit zum Umarmen und eine Zeit, die Umarmung zu lösen,
eine Zeit zum Suchen und eine Zeit zum Verlieren, eine Zeit zum Behalten und eine Zeit zum Wegwerfen,
eine Zeit zum Zerreißen und eine Zeit zum Zusammennähen, eine Zeit zum Schweigen und eine Zeit zum Reden,

eine Zeit zum Lieben und eine Zeit zum Hassen, eine Zeit für den Krieg und eine Zeit für den Frieden.

 

Können wir diese Zeit genießen, das HIER und JETZT wirklich als das nehmen, was es gerade ist. Oder gehts Ihnen auch so, dass Sie oft in Gedanken schon wieder wo anders sind? Was kann uns helfen, die JETZT-Zeit zu genießen? Aus der kontemplativen Meditationspraxis gibt es eine Entschleunigungsübung. Den Gang, den Gehschritt, verlangsamen. Stell Sie sich vor, Sie gehen über einen Holzbalken, der über einem rauschenden Bach von Ufer zu Ufer gelegt ist. Schritt für Schritt setzen Sie Fuß vor Fuß. Langsam. Gleichzeitig bemühen Sie sich im Gleichgewicht zu sein, balancieren mit den Armen aus. Machen Sie das ruhig einmal bei sich zuhause in einem größeren Zimmer, im Flur oder im Garten. Schließen Sie die Augen und gehen Sie mit den ausgebreiteten Armen über den fiktiven Holzbalken. Langsam. Step for step. Spüren Sie was?

Wissen Sie, welche Zeit ich am schlimmsten finde? Die "verlorene Zeit" - Zeit zum Beispiel, die ich nicht genutzt habe für Wesentliches. Damit meine ich nicht die Zeit, in der ich in meiner Freizeit-Hängematte hänge und die Seele baumeln lasse. Ich meine die Zeit, die ich mit Streit und unnötigem Groll vergeudet habe. Denn auch diese Zeit... ist unwiederbringbar.

 

 

Das Thema am kommenden Mittwoch: Die hohe Kunst der Wertschätzung