Wie bändige ich den Drachen in mir?

Wer mich kennt, weiß, dass ich Zeichentrickfilme mag. Vor Jahren sah ich mit Begeisterung den Film "Drachen zähmen leicht gemacht". Ein klasse Streifen! Der schmächtige Sohn (Hicks) des Wikingerhäuptlings (Haudrauf) des kleinen Dörfchen Berk hat zwar den gleichen Eifer wie sein Vater, Drachen zu töten, allerdings nicht die Power, die er dazu bräuchte. Regelmäßig wird das Dorf von Drachen angegriffen. Doch eines Tages gelingt es Hicks den berühmt berüchtigen "Nachtschatten"-Drachen einzufangen und gilt ab sofort als Held. Ein Zeichentrickfilm, der auch eine Vater-Sohn-Geschichte sein will, in der es um Mut und Vertrauen, um Anerkennung und Überwindung von Ängsten geht. Aber auch: So sein dürfen, wie man eben ist.

 

Das Thema "Drachen bändigen" ist daher ein Lebensthema. Und es ist alt. Die älteste Legende dazu ist jene vom Hl. Georg, dem Drachentöter, auch wenn jener Georg wohl nie gelebt hat. Hintergrund ist ein altes Rittermärchen. Georg - so erzählt die Legende - rettet die jungfräuliche Königstochter vor einem Drachen, verletzte ihn so schwer, dass die Jungfrau diesen quasi an der Leine in die Stadt führen kann. Dort bringt Georg den heidnischen König und das Volk dazu, sich taufen zu lassen, anschließend erschlägt er den Drachen. Eigentlich hatte der Drachen sich eine Jungfrau als Opfer gefordert. Doch mit seinem Tod ist das Land vom Bösen befreit. 

 

Wir merken: Ein altes Motiv. Ein Held, ein Drache, eine gute Tat. Den Drachen zu töten - das könnte auch eine Umschreibung für die Beseitigung eines Diktators sein. Nicht umsonst spricht wohl das letzte Buch der Bibel (Offenbarung, Kapitel 12) von einem Drachen (als großes Schlangenmonster) und meint damit den Satan. Spannend.

 

Doch neben diesen "äußeren" Drachen gibt es auch den "inneren Drachen" in jedem von uns. Damit ist eine Kraft gemeint, die wir unter Kontrolle haben müssen. Es ist der Groll, die Wut, das Rachegefühl, all das, was sich anstaut, wenn wir bedrängt werden, uns ungerecht behandelt fühlen. Wir könnten Feuer speien (Beleidigungen), fauchen (Vorwürfe) und wild um uns schlagen (Aggression). Als Kinder tun wir das zuweilen auch. Kinder, die nicht mitspielen dürfen, ziehen sich entweder beleidigt zurück oder machen den anderen das Leben zur Hölle. Hysterische und cholerische Persönlichkeitstypen setzen diese Verhaltensweisen im Erwachsenenalter fort. Aus Kränkungen heraus entfalten manche ihren Drachen und werden zu religiösen Kriegern oder aber Amokläufern.

 

Warum ist das so? Der "innere Drache" in uns ist meist zu kurz gekommen. Er hat wenig Aufmerksamkeit und Wertschätzung erfahren. Die einzige Form, wahrgenommen zu werden, ist also, sich durch Aggression bemerkbar zu machen, ganz nach dem physikalischen Prinzip: Reibung erzeugt ja auch Wärme. Allerdings wird diese Hitze für andere unerträglich. Nicht nur, dass man Grenzen übertritt und übergriffig wird! Man verletzt andere massiv. Der Groll in mir, die Wut und das Rachegefühl offenbaren im Grunde meine eigenen Verletzungen. Sie demonstrieren meine Bedürftigkeit nach liebender Annahme, nach Heilung, nach Erlösung. Haben Sie schon einmal ein Kind, dass tobend und schreiend durch die Gegend läuft und Dinge zerstört, in den Arm zu nehmen versucht? Es strampelt und wehrt sich. Es kann die Form der Nähe kaum bis gar nicht zulassen.

 

Doch wie kann man den inneren Drachen zähmen? Wie kann man ihn versöhnen mit der Welt, mit den Kränkungen, die er erlitten hat?

Der erste Schritt ist: Ich muss dem Drachen in die Augen schauen. Ihm Aufmerksamkeit schenken und Ansehen verleihen. Ich nehme also einmal wahr, dass er tatsächlich da ist. Er wird zu einem "du" in mir, zu einem Gesprächspartner. Immerhin verköpert er einen Anteil von mir. Welche Gefühle löst er in mir aus? Erschrecke ich darüber, dass es ihn gibt? Bin ich (nur) erstaunt? Kenne ich eigentlich schon lange? Im o.g. Zeichentrickfilm ist der Drache ein "Nachtschatten". Das besagt ja letztlich: Er agiert im Dunklen, im nicht bekannten Teil meiner Seele.

Der zweite Schritt: Ich gebe dem Drachen einen Namen. Damit hat er eine Identität. Dieser Name gibt mir auch die Möglichkeit, ihn anzusprechen und nimmt ihn heraus aus der Unfassbarkeit. Wir kennen das von Tieren. Mein Hund Leo hört (in der Regel) auf seinen Namen, er weiß: "Ich bin gemeint." Im Zeichentrickfilm gibt Hicks seinem Nachtschatten einen spannenden Namen: "Ohnezahn" - es beschreibt auch das Wesen...

Der dritte Schritt ist: Ich beginne das aufmerksame Gespräch mit dem "inneren Drachen". Wer bist du? Erzähl mir von dir! Wie fühlst du dich? Was beschäftigt dich? Wie lange schon bist du in mir? In welcher Situation wurdest du "geboren"? Was reizt dich so, dass du so aggressiv bist?

Der vierte Schritt: Ein wichtiger Moment kommt jetzt. Erst wenn ich den Drachen in mir verstanden habe, kann ich mit ihm nach Alternativen schauen. Seine eigenen Kränkungen (also MEINE !) kann ich nicht so einfach zur Seite schieben. Ihn sinnlos weiterhin seine (verbalen oder nonverbalen) Aggressionen ausleben lassen, ist auch keine Strategie. Es müssen also echte Alternativen her! Welche Möglichkeiten habe ich, meine Wut und die dahinter stehende Kraft zu "kultivieren"? Gibt es für den Drachen in mir eine Herausforderung? Wofür könnte ich seine Kraft am meisten brauchen?

Der fünfte Schritt: Ich gebe der Drachen-Kraft einen anderen Platz, sich neu einzubringen. Das kann Sport sein, Künstlerische Kreativität, handwerkliches Schaffen, Gartenprojekte, soziale Hilfstätigkeiten usw. Der Drache muss eine Chance erhalten, sich verwandeln zu dürfen. Auch hier noch einmal kurz ein Kameraschwenk zu dem Film "Drachen zähmen leicht gemacht". Der Drache wird für Hicks zum Flugzeug - er wird also gebraucht, genutzt! Und er wird zum Beschützer gegen die Angriffe anderer Drachen.

Der sechste Schritt: Der letzte Schritt ist ein wesentlicher, gar nicht so leicht. Hier geht es um eine doppelte Versöhnung. Die Versöhnung mit meinen Drachenanteilen in mir und den Kränkungen, gegen die mein Drache ankämpfte. Mir und anderen zu verzeihen, das ist die wohl schwierigste Aufgabe auf dieser Welt. Was habe ich davon? Einen inneren Frieden! Es ist der Weg der Versöhnung mit dem Leben. Unsere Lebenszeit ist zu kurz, um über Jahre und Jahrzehnte unversöhnt mit Menschen zu leben (oder an ihnen vorbei). Wir vergeuden unsere Energie des guten Lebens sinnlos mit der Kraft gegen das, was uns gekränkt hat. Natürlich... es tat weh, es hat uns innerlich tief getroffen. Das hat den Drachen in uns geweckt. Aber wer zu viel Energie in den inneren Drachen und sein Treiben investiert, dem gehen schöne Momente im Leben verloren.

 

Zum Schluss eine eindrückliche Erzählung dazu - die ich etwas umgeschrieben habe:

Ein alter Indianer sitzt mit seinem Enkelsohn am Lagerfeuer. Sie reden über das Leben und seine Herausforderungen und da erzählt der Alte über einen Kampf. Einen Kampf, der in seinem Inneren tobt. Und er sagt: „Mein Sohn, dieser Kampf wird von zwei Drachen ausgefochten.“ Der eine Drache ist böse: Er ist der HASS, der Zorn, der Neid, die Eifersucht, die Sorgen, der Schmerz, die Gier, die Arroganz, das Selbstmitleid, die Schuld, die Vorurteile, die Minderwertigkeitsgefühle, die Lügen, der falsche Stolz und das Ego. Der andere Drache ist gut: Er ist die LIEBE, die Freude, der Friede, die Hoffnung, die Heiterkeit, die Demut, die Güte, das Wohlwollen, die Zuneigung, die Großzügigkeit, die Aufrichtigkeit, das Mitgefühl und der Glaube. Sein Enkel schaut den Gr0ßvater aufmerksam an und denkt ein paar Augenblicke über die Worte des Großvaters nach. Dann fragt er: “Und welcher der beiden Drachen gewinnt den Kampf?” Der alte Cherokee antwortete: „Der, den du fütterst!“

 

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