Die große Frage des "Warum?"

Es gibt viele Fragen, die sich uns im Laufe des Lebens in den Weg stellen. Ich unterscheide gerne zwischen den "kleinen Fragen" und den "großen Fragen". Unter den kleinen Fragen sammle ich solche wie: Was ziehe ich heute an? Wohin fahren wir in Urlaub? Nehme ich diese oder jene Pizza? Zahle ich bar oder mit EC-Karte? Diese Fragen erwarten von mir keine philosophischen Exkurse und stellen nicht meine ganze Existenz auf den Prüfstand.

Anders ist es hingegen mit den "großen Fragen". Sie beginnt bei dem: Woher komme ich? Wer bin ich? Wohin gehe ich? Wie sind die Dinge in dieser Welt beschaffen? Wie funktioniert das Leben? Sie endet bei dem: Wieso muss ich sterben?
Doch die größte unter den großen Fragen, bei der uns oft massiv der Schuh drückt, ist die Frage nach dem WARUM? Sie stellt sich uns meist dann, wenn wir mit Leid, Krankheit und Schmerz, Unglück, Katastrophen, dem Sterben und letztendlich dem Tod konfrontiert sind. Dieses Warum bringt uns zuweilen an die Grenze der erträglichen Belastbarkeit. Wir haben keine Antwort. Es ist reine Ohnmacht, die sich mit der Warumfrage auftut.

Wer die Diagonose Brust- oder Lungenkrebs, Gehirntumor oder Downsyndrom erfährt, wer Bauchspeicheldrüsenkrebs mit Aussicht auf wenige Wochen Leben diagnostiziert bekommt, wer von heute auf morgen querschnittsgelähmt ist oder einen Angehörigen durch einen Unfall verliert - der steht vor der Unbegreiflichkeit des Lebens mit der größten bedrohenden Kränkung, die das Leben uns vor Augen hält: Dem Tod. So sagt es der Gerichtsmediziner Reinhard Haller aus Salzburg. Der Tod ist die größte Kränkung, die das Leben uns beschert. (Buchtipp: Die Macht der Kränkung)

Doch die Warumfrage taucht auch auf in den Stunden der Einsamkeit nach der Scheidung vom Lebenspartner, bei der Kündigung des Arbeitsplatzes, beim Schuldenberg durch Kredite, bei den auf Abwegen geratenen Kindern, beim Streit zwischen Geliebten, bei der nächtlichen Sinnfrage, wenn wir nicht einschlafen können.

Ich muss ehrlich gestehen: Es gibt auf die Frage des WARUM meiner Ansicht nach keine Antwort, die dich oder mich zufriedenstellt. Frommes Geschwätz hilft da wenig. Diese Frage hinterlässt immer einen bitteren Beigeschmack. Würde ich sie beantworten wollen, müsste ich eine Perspektive haben, die den Überblick auf das Ganze vom Anfang bis zum Schluss, auf alle Dimensionen der Wirklichkeit hat. Ich müsste quasi so etwas sein wie ein Supermensch - oder eben wie Gott, dem wir diese Frage angesichts unserer Ohnmacht ins Gesicht schleudern wollen. Für viele Menschen spielt aber dieser Gott keine Rolle mehr. Und so wird die Frage nach dem Warum in den grenzenlosen Raum geschossen wie eine Rakete in die Weiten des Weltalls - ohne Hoffnung auf ein Signal, das uns als Antwort dienen könnte.

Noch einmal: Wir finden wir also keine Antwort auf das Warum, es sei denn, wir suchen auf billige Weise und ganz klassisch wie die Medien das in der Regel nach Tragödien und Unglücken tun, nach einem Schuldigen, einem Sündenbock, einem, der seinen Kopf rollen lassen muss. Doch ist damit das Problem beseitigt? Nein! Das Leben derer, die ihr Leben verloren haben, ist damit nicht wieder gutzumachen. Auch durch keine Zahlung einer Lebensversicherung, eines Schmerzgeldes oder dergleichen mehr.

Die einzige Frage, die mir wirklich sinnvoll erscheint, ist jene Frage, die wir schon im Neuen Testament an einer zentralen Stelle immer wieder falsch übersetzen. In der Todesstunde Jesu ruft dieser - so überliefert es uns die Bibel - in den Himmel hinauf: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" (Psalm 22) Ich kann diesen Psalm nur wärmestens als Meditation im eigenen Leid empfehlen. Doch das Fragewort im Hebräischen ist falsch übersetzt. Es darf nicht lauten WARUM, sondern WOZU. Denn im Hebräischen gibt es in diesem Sinne kein WARUM, damit würde der Mensch tatsächlich die göttliche Einsicht in das große Ganze allen Daseins und aller Ursächlichkeit erstreben. Das WARUM schaut zurück, in die Vergangenheit, will diese verstehbar machen - aber sie lässt uns im Sumpf des Unerklärten versinken.

 

Die WOZU-Frage hingegen zielt in eine andere Richtung. Sie strebt nach vorn, in die Zukunft. Sie will den Sinn verstehen, der sich erschließen kann, d.h. mir auch eine Hilfe geben, wie ich damit leben kann, dass etwas so und so und nicht anders ist. Das WOZU lässt mir Spielraum, um irgendwann selbst dahinter zu kommen, wozu etwas doch gut war. Ich kenne viele solcher Momente in meinem Leben, in denen ich auf nächtlichem Lager das WARUM des Geschehenen nicht verstanden habe. Aber heute - mit dem Erlebten - kann ich mir auf das WOZU eine Antwort erschließen. All das musste geschehen, damit ich der werden konnte, der ich nun bin. Und genau das gibt Jesus bei einer nächtlichen Begegnung zwei verzweifelten Jüngern auch zur Antwort: Musste er nicht genauso sterben, damit alle verstehen konnten, worum es ihm ging?


Natürlich ist es kein Trost, wenn jemand auf der Onkologie oder der Palliativstation liegt und der Tod bereits das Zimmer betreten hat und auf seine Stunde wartet. Niemals dürfen wir einem Menschen dann sagen: Schau doch nicht auf das Warum, sondern auf das Wozu!  - Das kann nur der einzelne selbst irgendwann erkennen. Das WOZU des Lebens eröffnet mir aber angesichts des Todes die Möglichkeit der Dankbarkeit für das, was ich geschenkt bekam vom Leben. Wir schauen oft nur auf die letzte Etappe, vergessen dabei nur allzugern den Weg bis dorthin, der eben nicht nur mit harten Steinen, sondern auch mit Blumen ausgestattet ist.

 

Das Thema am kommenden Mittwoch lautet: Wie bändige ich den Drachen in mir?