Streit hat auch was Gutes!

"Hör doch bitte auf zu streiten!" - so flehen manche Menschen andere an. Für viele Menschen ist Streit nur negativ behaftet. Aber das lat. "confligere", von dem unser Wort "Konflikt" abstammt, meint ein Ringen, Kämpfen, Streiten, Aneinandergeraten und Zusammenstoßen. Es ist eine Form der Auseinandersetzung, die zur Meinungsbildung und zur Vergewisserung des eigenen Standpunktes unabdingbar ist. Darüber hinaus ist klar: Wer sich auseinander-setzt, muss sich auch wieder zusammen-setzen! Und das heißt: Streit hat etwas Gutes - er dient der Suche nach "Konsens" - dem gemeinsamen "Sinn". Dabei geht es aber nicht um den kleinsten gemeinsamen Nenner!

 

Wie entsteht eigentlich ein Streit? Wenn zwei Menschen oder zwei Gruppen miteinander streiten, dann liegt dem eine Meinungsverschiedenheit zugrunde. Diese ist in der Regel zunächst sachlich, schaukelt sich aber häufig emotional nach oben ("Eskalation"). So lange die sachliche Ebene gewahrt bleibt, können Argumente "pro" und "contra" ausgetauscht werden und ein Streit ist gewinnbringend für beide Seiten. Er schärft die Wahrnehmung für das Ganze, fördert das Verständnis für die Ansichten und Erfahrungen des Anderen, öffnet Perspektiven auf Lösungen, die bisher nicht angedacht waren.

Streiten also zwei Personen oder Gruppen um Sachinhalte und sind beide der achtsamen Wahrnehmung, der Kommunikation und der Konsensbildung fähig, wird das Streitergebnis als "win-win" für sie ausgehen. Wer streitet muss auch eine Grundbereitschaft zur Versöhnung in sich tragen.

 

Der "Konflikt" ist die Kunst der Diskussion und Auseinandersetzung. In der Antike war dies eine beliebte Form der Diskussion: These - Antithese. So wurden Lehrmeinungen gebildet. Auch in der jüdischen Schule der Rabbiner war es üblich, mit immer neuen Argumenten dem Gegenüber auch sein Wissen und das gesamte Spektrum der Ansichten zu veranschaulichen. Es endete oft mit: "Darüber reden wir morgen weiter" oder mit "Nun, dann magst du vorerst Recht haben. Bis ich noch einmal ein Argument finde!"

 

Entscheidend also ist: WER streitet mit wem? Wenn jemand mit egoistischen / narzisstischen Persönlichkeitsanteilen, mit emotionalem Ungleichgewicht (bi-polare Störung) oder unter Stress stehend (zeitlicher Druck, Erfolgsdruck, Machtdemonstrantion - weil man sich bedroht fühlt) in eine Diskussion geht, kann der Schuss im wahrsten Sinne des Wortes nach "hinten" losgehen. Blitzschnell wechselt man die Sachebene gegen die emotionale Ebene aus. Wird dazu jemandem nachprüfbar unrechtmäßiges Verhalten vorgeworfen, dann geht häufig der Angegriffene zum Gegenangriff über und der Streit eskaliert - so sind in der Geschichte der Menschheit Kriege entstanden.

 

Streiten sollte immer zur Meinungsbildung beitragen und daher förderlich sein für das Gemeinwohl. Eine Gesellschaft, eine Partei, eine Gruppe, eine Familie, ein Verein in denen nicht gestritten wird, weist eine Kommunikationsarmut auf. Doch wie streitet man richtig?

Das Wesentlichste am Streit ist die Begabung des Zuhörens. Die Meinung, die der andere geäußert hat wird mit einem "Habe ich dich richtig verstanden, dass du denkst, dass..." erwidert. Erst, wenn ich den anderen wirklich verstanden habe, kann ich mein Argument entgegensetzen. Wer sofort "alte Kamellen" auspackt und früheres Verhalten oder Aussagen vorwirft, ist nicht an einer Lösung interessiert. Wer die Tür zuknallt und aus dem Zimmer rennt, weist schlicht weg kindliches Verhalten auf. Wer schreit und brüllt, auf Stühle und Tische klettert, um größer zu sein, hat längst demonstriert, wie schwach er eigentlich ist. Ein Streit muss nicht laut einhergehen. Und: Er darf auch Pausen haben, Stille zum Nachdenken und Überdenken. Auch ein: "Ich denke, du hast Recht!" zeigt etwas von Streitfähigkeit und weniger von Schwäche.

 

Vielleicht helfen diese drei Kriterien, um die eigene Meinung beim Streit einschätzen zu können:
1. Ist das, was ich einbringe "wahr" ? (Wahrheit in der Sache)

2. Ist das, was ich einbringe von einer gewissen "Güte" geprägt? (Absicht der Aussagen)

3. Ist das, was ich einbringe überhaupt notwendig? (Notwendigkeit oder Provokation?)

 

Wie gesagt: Wer sich auseinander-setzt, sollte auch fähig sein, sich zusammenzusetzen...

Das Thema nächsten Mittwoch wird sein: Die große Frage des "Warum?"