Angst ist auch ein Mutmacher

Als Kind hatte ich Angst, allein in den Keller zu gehen. Irgendwie dachte ich immer, nach der Kellertreppe um die Ecke lauert jemand, der mich erschrecken will - ein im Grunde harmloser Gedanke. Als Jugendlicher hatte ich oft Angst vor Prüfungen und Klausuren, als Erwachsener vor mancher Begegnung und manchen Konfliktgesprächen. In Albträumen habe ich oft Erlebnisse aufgearbeitet, die mich belastet haben - und bin entsprechend mit dem Gefühl der Angst aufgewacht.

In meiner therapeutischen Arbeit durfte ich schon oft Menschen begleiten, die mit Angst und Panik zu kämpfen haben. Feuchte Hände, heftiges Schwitzen, gesteigerter Blutdruck, trockener Mund, Sprachlosigkeit und zum Teil auch motorische Blockaden waren bzw. sind die Auswirkungen. Manche haben Furcht (Phobie) vor bestimmten Situationen (Zukunft, Jobverlust) oder Orten (Höhe, Raumenge) oder Tieren (z.B. Spinnen, Schlangen, Hunden). Ich glaube, es gibt niemanden, der das Gefühl der Angst nicht kennt.

Was passiert eigentlich in uns, wenn wir Angst haben? Wenn wir vor einer Herausforderung stehen, von der wir denken, sie nicht  bewältigen zu könnnen, löst das Angst aus. Es ist das Gefühl, der Situation nicht angemessen mit den mir zur Verfügung stehenden Möglichkeiten begegnen zu können. Diese Stressreaktion (= Angst) führt zur vermehrten Ausschüttung von Adrenalin aus dem Nebennierenmark. Hält der Zustand länger an, wird es also ein chronischer Stress, dann dominiert zusätzlich Cortisol aus der Nebennierenrinde. Aber jede und jeder von uns reagiert anders auf diesen Stress und die daraus entstehende Angst. Das Nervensystem wird mehr oder weniger durch die Neurotransmitter beansprucht, d.h. wir versuchen krampfhaft Lösungen und Vermeidungsstrategien zu finden. Finden wir diese nicht (z.B. Feuer > Flucht), dann sendet unser Gehirn Botenstoffe, die Alarm schlagen. Schweißausbruch, trockener Mund, körperliche Starre ... können die Folge sein.

Wie können wir mit der Angst umgehen? Sie aus dem Leben verbannen wollen und "abschalten", das geht nicht. Wir können die Angst nur kultivieren und integrieren.

1. Die Kultivierung der Angst heißt, dass wir versuchen, ihr angemessen zu begegnen. Wer vor Tieren oder Situationen Angst hat, kann durch verhaltenstherapeutische Maßnahmen Umgangsformen entwickeln, die erlauben, mit dieser Angst anders als bisher umzugehen. Ich schaffe das persönlich immer mal wieder im Flugzeug mit meiner Klaustrophobie. Das ist übrigens keine "Platzangst", sondern eine Raume-Enge-Angst. Platzangst ist Agoraphobie und bedeutet, dass ich auf großen Plätzen mir verloren vorkomme und deshalb Angst entwickle. Also Kultivierung heißt: Ich setze mich dieser Angst aus und versuche peu à peu sie "umzubauen", ihr weniger Macht zu geben. Im Flugzeug schaffe ich das zuweilen, in dem ich meine Gedanken bewusst auf etwas Anderes umlenke (z.B. durch Lesen, Musikhören, an etwas denken oder gezielt etwas planen).

 

2. Die Integration der Angst bedeutet, sie zu hören - was sie mir sagen möchte. Das sog. "Innere Team" in mir besteht aus Anteilen meiner Persönlichkeit, also Charakter- und Wesenszügen aber auch Emotionen. Ich muss (!) am "runden Tisch" meines "inneren Teams" auch der Angst einen Platz geben. Ich muss (!) sie zu Wort kommen lassen. Denn oft hat sie entscheidende Impulse, z.B. warnt sie mich vor falschen Entscheidungen. Sie kann aber auch Mutmacher sein. Wie ist das zu verstehen? Nun, gesetzt den Fall, ein Haus brennt. Mein gesamtes Nervenssystem meldet Alarm. Und die Ausschüttung der Botenstoffe signalisiert meinem Gehirn, dass FLUCHT angesagt ist. Dennoch kann ich im Haus ein Gewimmer eines Kindes oder eines Tieres hören. Meine Angst wird nun überwunden durch die Angst dieses Lebewesen im Stich zu lassen. Ich kehre zurück und werde zum Lebensretter - sofern mir nichts passiert. Ein fiktives Beispiel zum Nachdenken: Wenn du vor einer Schlucht stehst und vor dir befindet sich eine morsche Holzhängebrücke... der einzige Weg führt darüber... Es kann sein, dass du Angst vor der Brücke hast. Wird sie halten?

Doch diese Angst wird zum Mutmacher, wenn du dir vorstellst, dass hinter dir plötzlich ein Wesen auftaucht, das dich verfolgt, z.B. ein Löwe, ein Bär oder was auch immer. Die Angst wird durch die Angst überwunden. Denn die Angst nicht zu überleben ist eine unglaubliche Antriebsquelle.

 

Nächsten Mittwoch geht es um das Thema: Streit ist was Gutes!