Ich will nicht mehr leben!

Nennen wir ihn Georg. Mit 19 Jahren stürzt er sich übermütig in einen Badesee. Es machte kurz "knack" und er spürte ein Kribbeln im Hals-Nacken-Bereich. Als er 30 Sekunden später an die Wasseroberfläche geholt wird, ist er querschnittsgelähmt. Dennoch rappelt er sich nach einem längeren Klinik- und Rehaaufenthalt wieder auf. Mit dem Rollstuhl kommt er klar, hat eine Pflegeassistenz, absolviert sein Studium und erlebt so viele "gute" Jahre, wie er erzählt. Doch 2016 setzen massive spastische Krämpfe ein. Schlaflose Nächte und die Wirkung der Medikamente verändern sein Wesen.
Zum ersten Mal denkt er an Selbstmord. Dreimal versucht er es. Dreimal scheitert er. So sieht er es selbst. Seinem Wunsch, im Ausland durch aktive Sterbehilfe seinem Leben ein Ende setzen zu können, wird nicht stattgegeben. "Jetzt bin ich zu schwach. Ich würde die Fahrt nicht überleben", erzählt er mir. "Aber ich habe mich entschieden: Ich will nicht mehr leben! Ich werde einfach nichts mehr essen. Sterbe-Fasten."
Wir reden lange miteinander. Zunächst am Telefon. Heute, an diesem Mittwoch, gegen Abend werde ich ihn besuchen. Es wird möglicherweise einer der letzten, vielleicht der letzte Kontakt sein. Ich weiß nicht so recht, was ich fühlen und denken soll. 32 Jahre ist er erst alt. Er hat trotz seiner massiven Einschränkung vieles realisiert. Aber die Enttäuschung ist ihm anzuhören. Vom Gesundheitsminister bis zur Kirche, von der Partei bis zu den eigenen Eltern. Nicht, dass er irgendwem Vorwürfe wegen seines Schicksals macht. "An meinem Unfall bin ich ja selbst schuld!", gesteht er. Aber man hat ihn daran gehindert, zu einem früheren Zeitpunkt seinem Leben ein Ende zu setzen. Bevor er jetzt dahinsiecht, will er lieber gehen dürfen.
Wo fängt die Würde an, wo hört sie auf? Darf man sein Leben selbstbestimmt abschließen oder nicht? Die Frage ist nicht neu. Aber sie wird für mich dieses Mal sehr konkret. "Ich will nicht mehr leben!" - ist das der letzte, mögliche Wille?