Kind aus dem Sperrgebiet

Was ist dir Weihnachten noch wert? Die Frage hätte auch lauten können: Wie viel gibst du an Weihnachten für Geschenke aus? Als ich am dritten Adventswochenende in einer deutschen Großstadt zu Besuch war, da machte ich etwas sehr Verrücktes. Ich fuhr mit der befreundeten Familie, die ich besuchte, doch glatt in die Innenstadt und damit mitten hinein in den Einkaufsrummel. Unser Ziel: Die High-Tech-Abteilungen der beiden großen Elektrohäuser, die wir aufsuchten. Mir verschlug es fast die Sprache...


Den Menschen ist Weihnachten viel wert, so schien es mir. Die Warteschlangen an den Kassen waren immens. Ebenso groß der Wunsch, von einem Fachmann oder einer Expertin beraten zu werden. Handys der verschiedenen Marken, Waschmaschinen mit den diversen Fassungsvermögen wurden verglichen, ebenso die Flachbildschirme mit all ihren verschiedenen Funktionen, Vorteilen und technischen Errungenschaften.

 

Ein Wahnsinn, dachte ich mir. Mein Einkauf bestand gerade mal aus einer LED-Taschenlampe, die ich abends brauche, wenn ich mit meinem Hund Gassi gehe. Aber auch in den Lebensmittelgeschäften war der Andrang groß. Als gäbe es nichts mehr zu essen und zu trinken. Wie alle Jahre - alle Jahre wieder.

 

Was ist dir Weihnachten noch wert? Ich frage mich selbst erstmal und überlasse dir die Frage danach. Weihnachten ist mir meine Familie wert, mit der ich in diesem Jahr sogar an Heilig Abend zusammen sein kann. Kein Dienst. Nur Zeit. Weihnachten hat einen Zeitwert. Weihnachten ist mir auch eine Handy-Auszeit wert. Mein Bruder hat es bereits angekündigt als "Gesetz" bei Tisch.
Doch Weihnachten ist mir auch eine Abgrenzung wert. Während hier im Osten Deutschlands viele "nur" ein Familien- und Geschenkefest zelebrieren, möchte ich etwas Raum schaffen für die Szene von Betlehem. Da fällt mir meine Taschenlampe wieder ein. Als 10jähriger Bursche durfte ich bereits beim Schmücken des Christbaumes helfen. Später habe ich es immer alleine gemacht. Aber ich weiß noch genau, dass ich schon beim ersten Mal die Holzkrippe von innen beleuchtet habe mit einem kleinen Lämpchen meiner Eisenbahnanlage. Alles war so schön erhellt durch die Kerzen, nur die Krippe wäre dunkel gelieben.

 

Jetzt möchte ich die Taschenlampe auf das Kind in der Krippe richten und sagen: Schaut her! Ich richte den Lichtstrahl auf das kleine Dorf Betlehem, das heute von einer acht Meter hohen Mauer militärisch eingezäunt ist. Wie einst in der DDR. Stacheldraht und Soldaten. Selbstschussanlagen und Verbotsschilder. Ein paar wenige Möglichkeiten, in das Autonomiegebiet zu gelangen.
Was ist mir Weihnachten wert? Jetzt kommt mir das Gefühl der Dankbarkeit über meine Freiheit. Freiheit für mein Leben. Freiheit im Glauben. Freisein durch meinen Glauben. Danke, du Kind aus dem Sperrgebiet!

Ob wir wohl vor deiner Krippe Schlange stehen?