Bizarres Weihnachten

Ich höre mich schon sagen "Das hätt's bei uns damals nicht gegeben!" - Und? Ich sage es tatsächlich! Mein Kurzbesuch auf dem Nürnberger "Christkindlesmarkt" (ja, wird wirklich so geschrieben und nicht "Christkindlmarkt", falls jemand schon am googlen ist) Eine große Enttäuschung!  Menschenmassen, die sich zu "Stille Nacht, Heilige Nacht" langsam - oh wie fröhlich - in Zeitlupe herumschieben, fotografierende Asiaten allüberall auf den Tannenspitzen, eine Lautstärke, die Tinnitusverdächtig ist. Süßer klingeln Kassenglocken in meinen Ohren, als würde es morgen, Kinder, nichts mehr geben! Dazu Preise zum Bauklötzestaunen, weil der Weihnachtsmann sie ja in Kooperation mit dem lutherischen Christkind persönlich zubereitet! Drei Mini-Bratwürste für 3,00 Euro. Ich betone MINI! Wenigstens der Glühwein schmeckt. Wieder einmal ein Beweis für mich, solche "Events" weiträumig zu meiden. Obwohl... es gab auch schöne Stände der Partnerstädte von Nürnberg...
Doch dann kam eben der Hammer. "Das hätt's bei uns damals nicht gegeben!" - ich muss es wieder sagen. Der Christbaumschmuck der ganz besonderen Art. Nein, nein, nein.... Da sträuben sich auf meiner Glatze die letzten grauen Haare. Ich bin wahrlich nicht prüde oder verklemmt, aber Sex-Torso-Kugeln? Ich weiß es nicht... Das blonde, lockige Christkind schaut verdattert und beschämt zur Seite.
Ich höre noch einen älteren Mitbruder von der Zeit im Krieg erzählen, als sie die Folie von Bonbons ("Zuckerl") mit einem Stein (!) füllten und an den Christbaum hingen. Oder Nüsse und Äpfel, die ihren Platz an den grünen Tannen fanden. Bei uns zuhause in den 70ern und 80ern waren es schon bunte Kugeln, etwas Lametta (haben wir später auch weggelassen) und ab den 90ern Strohsterne. Später hingen schon mal Schokoladenkugeln dran. Aber Sex-Torsos?

Irgendwas hat sich verändert - konstatiere ich für mich, während ich schon weitergeschoben werde, ohne dass leise der Schnee rieselt. Natürlich mache ich ein Foto. Glaubt mir ja sonst keiner. Wirklich schön (liegt im Auge des Betrachters) finde ich es nicht. Für einen kurzen Moment immerhin lustig. Aber das wars auch schon... Der arme Christbaum, denke ich mir.

Er hat irgendwie seine Bedeutung verloren. Er sollte das "grün" des erwartenden neuen Lebens in die Häuser bringen, dazu mit dem Schmuck den festlichen Moment der Geburt Jesu umrahmen. Ach ja, ein paar Krippen gab es auch dem Christkindlesmarkt (mit "les" in der Mitte). Den Christbaum gibt es schon lange. Viel länger als den Christkindles (!) Markt. 1527 finden wir die älteste Erwähnung eines Weihnachtsbaumes. In Stockstadt am Main soll ein "weienacht baum" aufgestellt worden sein, so heißt es in einer historischen Akte. Für das Straßbuger Münster wird dann im Jahre 1539 belegt, dass die Zünfte und Vereine ein immergrünes Bäumchen aufstellten. Und wieder ist es im Elsass, diesmal im Jahre 1605, wo uns der Brauch überliefert wird, den wir bis heute kennen: „Auff Weihnachten richtet man Dannenbäume zu Straßburg in den Stuben auf. Daran henket man Roßen auß vielfarbigem Papier geschnitten, Aepfel, Oblaten, Zischgold und Zucker“. Und schon 1611 schmückte Herzogin Dorothea Sibylle von Schlesien mit Kerzen ihren Weihnachtsbaum in der Stube. Ob sie auch - wie zu meiner Kinderzeit - einen 10-Liter-Eimer mit Wasser gefüllt ästhetisch schön direkt daneben stellte?

Heute hingegen wird der säkulare "Tannenbaum" zuweilen schon Anfang Dezember aufgestellt, weil ... weil ja am 25.12. alles schon wieder rum ist. Oder es gibt einen für die Adventszeit (pardon: Vorweihnachtszeit) und einen für die Zeit nach Weihnachten - auch das hab ich schon erlebt. Manchmal frage ich mich ohnedies: Wozu feiern viele Menschen Weihnachten, wenn sie mit dem eigentlichen Inhalt überhaupt nichts mehr anfangen können? Was hängt ... äh... eigentlich ... bei dir am Christ-Weihnachts-Tannenbaum?