Die Schatten werden länger

"Die Schatten werden länger" singt Rudolph, Sohn der Kaiserin Sissi, im Duett mit dem personifizierten Tod im Musical "Elisabeth" von Michael Kunze und Sylvester Levay. An diesen Song musste ich beim Spaziergang mit meinem Hund denken, als ich mich umdrehte und meinen eigenen, langgezogenen Schatten entdeckte. Ich musterte ihn eine Weile. Fand meinen Schatten in seiner Gestalt aber durchaus sympathisch. Das Licht der Sonne, das ihn erst zur Geltung kommen ließ, stand mir grell im Rücken und wärmte denselben. Ich philosophierte einwenig über mein Leben, meine Erfahrungen und verschickte an ein paar Leute diesen Gedanken: "Erkenntnis des Tages: Nur wer seine Schatten kennt, zeigt wahre Größe. Doch dazu muss er sich gegen das Licht stellen und zurückblicken. Und meist ist das Licht der Scheinwerfer unserer scheinbaren Erfolge!" 

Tatsächlich verfolgen uns die Erinnerngen und Schatten der Vergangenheit. Du kannst ihnen nicht davon laufen. Zum Spaß habe ich es heute Morgen sogar probiert... wissend, dass - ob nach links oder rechts - mein Schatten immer mitläuft, genauso unsportlich wie ich selbst. Ein kleiner Trost... Darüber konnte ich wieder lachen. Eine liebe Freundin schrieb mir zurück: "Der eigene Schatten kann mich nie selber treffen" und ergänzte dann "Je mehr das Licht von oben kommt... umso kleiner wird der Schatten!"
Eine großeartige Erkenntnis für den Umgang mit unserer Biographie, unseren Kränkungen aus der Vergangenheit, unseren Lebensenttäuschungen. Der Schatten kann mich nie treffen - er bleibt (ob groß oder klein) immer in einer gewissen Distanz, so dass ich ihn im Auge behalten kann. Ja, ich kann meinen Schatten kontrollieren!

Eine kleine Geschichte erzählt, dass ein Mensch immer versuchte, vor seinem Schatten davon zu laufen. Er rannte und rannte... bis er tot zusammenbrach und am Boden lag. Hätte er sich nur für einen Moment in den Schatten eines Baumes gestellt, wäre sein eigener Schatten aufgehoben gewesen.
Die Frage an unser Leben ist: Wer ist so ein Baum für mich? Wo weiß ich mich geborgen, kann mich fallen lassen, kann meine Schatten auch einmal ausblenden, weil ich gehalten bin von jemand anderem? Am Vorabend des Nikolaustages wird uns durch die Tradition das eine wie das andere angeboten: Der Krampus (in Österreich) oder Knecht Ruprecht bei uns stehen für die Anprangerer der Schattenseiten, die uns verfolgen. Nikolaus hingegen erinnert an das Prinzip des Guten. Sein Zeugnis bis heute ist das Zeugnis der Barmherzigkeit und liebenden Zuwendung. Nein, die Schatten werden nicht länger - wenn ich einen Baum finde, an dessen Stamm ich mich anlehnen kann...