Neunter November

Kaum ein Tag im Jahr hat so oft in der Geschichte eine so dramatische Rolle gespielt, wie der 9. November. Im Jahre 1918 verkündet der Reichskanzler Max von Baden eigenmächtig die Abdankung des deutschen Kaisers Willhelm II. Die sog. "Novemberrevolution" nimmt ihren Lauf. 1923: Hitler und Ludendorff führen einen Putschversuch in München durch. Der Nationalsozialismus wird über Nacht bekannt. Hitler wird zu fünf Jahren Haft verurteilt, aber schon nach neun Monaten "wegen guter Führung" entlassen. 1936: Auch wenn es lapidar erscheint, aber das Denkmal des Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy wird vor dem Gewandhaus in Leipzig von Hitler und seinen Anhängern entfernt. Der Grund war klar: Mendelssohn war jüdisch. 1938: vor 80 Jahren begannen die Novemberprogrome, Synagogen brannten, die sog. "Reichskristallnacht" geht in die Geschichte ein. Ab diesem Zeitpunkt wurden Juden verfolgt, geschmäht, unterworfen, vernichtet. Der traurigste Teil unserer deutschen und europäischen Geschichte. 1967: Die wilden 70er machen auf sich aufmerksam. Als der neue Rektor der Hamburger Universität in sein Amt eingeführt wird, erhebt sich das berühmte Transparent von Studenten mit dem Spruch "Unter den Talaren - Muff von 1000 Jahren". Die 68er-Bewegung ist geboren.
1989: Mauerfall. Ich war im Studium in Mainz. Saß vor dem TV-Gerät am Abend, als die ersten Trabbis über die Grenze fuhren. Das Ungeglaubte wird wahr. Deutschland wird in den Jahren danach wieder EIN Land.
Der neunte November. Was für ein Datum! Kein Tag zum Jubeln - denn immer schwingt der Schatten der Geschichte mit. Ich bin Teil dieser Geschichte, wenn auch nicht für "damals" verantwortlich. Und doch trage ich die Verantwortung von damals mit mir herum. In das HEUTE hinein. Denn an mir und an dir wird es liegen, dass all das, was menschliches Leben zerstört, nie wieder geschehen kann.