Nicht die Asche sollten wir hüten...

Es mag wohl keinen schlimmeren Hilfeschrei geben, der in der Nacht durch Mark und Bein dringt, als jener mit dem kurzen Wort "Feuer!" Wie gewaltig, wenn die Flammen aus einem Dachstuhl lodern! Und wie machtvoll, impulsant das Spiel im kleinen Lagerfeuer.
Franz von Assisi lobt Bruder Feuer ("fratre foco") in seinem berühmten Sonnengesang "Gelobt sei mein Herr für Bruder Feuer, durch den du die Nacht erleuchtest, und er ist schön und lustig und kräftig und stark" - so eine der ältesten Übersetzungen.
Ich sitze gerne vor einem Kaminfeuer und bedauere es zutiefst, selbst keinen offenen Kamin zu haben. Aber das kann ja irgendwann noch mal kommen.

Feuer war wohl die größte Entdeckung der Menschheit. Mit dem Feuer hatte der Mensch eine Waffe gegen wilde Tiere in der Nacht. Die Nahrungsaufnahme veränderte sich, da plötzlich das Fleisch nicht mehr roh gegessen wurde. Feuer hat gewaltsame Kraft, in ihm stecken Antrieb und Energie, aber auch Zerstörung und Tod.

"Die Geburt ist stets reine Schöpfung, ein vom Himmel herabgefallenes Feuer, das dich beseelt", sagt Antoine de Saint-Exupéry, und es scheint, als spreche er von dem selben Geist, von dem Jesus sprach, der auf seine Jünger an Pfingsten wie (!) in "Feuerszungen" herabkam.
Feuer - ein wundersamer Ort in der Nacht, sich zu wärmen, zu schwärmen, zu träumen. Zu tanzen und in Ekstase zu fallen. Doch wie rasch erlischt es, wenn wir es nicht am Leben halten!
Wie sagte Thomas Morus einmal: "
Tradition ist nicht das Halten der Asche, sondern das Weitergeben der Flamme." Das gilt für alle Institutionen, ob Staat, Kirche, Vereine o.ä. - oder das private Leben, deines und meines. Will ich lebendig sein, muss ich das Feuer nähren. Muss immer wieder ein Stück Holz hineinwerfen und unter Umständen etwas anfachen durch den eigenen Atem. Wer all das nicht mehr tut, der erlischt, erkaltet, brennt aus und ab, wird zur Asche. Mach dich auf die Suche nach einem Holzscheit! Leg ihn auf!
Das größte Feuer aber ist die Liebe. Sie lodert in uns, wenn wir sie zulassen. Wie arm ist der Mensch, der nie geliebt, nie diese Kraft in sich verspürt...