Blattgold im Himmel

Leider darf ich nur einen Feiertag feiern. In Thüringen eben den heutigen Reformationstag. Morgen, an Allerheiligen, ist wieder ein normaler Arbeitstag. Beim Aufwachen in der Früh blickte ich durch mein Schlafzimmerfenster und genoss diesen Blick auf das herbstliche Gold. "Blattgold" im Himmel sozusagen.
Reformationstag - der Gedenktag an einen, der in der Kirche des 15./16. Jahrhunderts gewaltig aufräumte. Vor allem mit seinem Wort. Martin Luther. Auf der Wartburg bei Eisenach wird er mit allen möglichen Andenken fast noch mehr verehrt, als die Hl. Elisabeth von Thüringen. Wäre er katholisch (geblieben) - ja, vielleicht hätte ein Papst ihn heiliggesprochen. Aber das brauchte Luther nicht. Das war für ihn irgendwann Schnickschnack. Und wenn wir ehrlich sind: Wohl kaum einer der großen Gestalten der Kirchengeschichte braucht den goldenen Reif über den Ohren, um auf dem Sockel der Geschiche besser zu glänzen. Grotesk ist es sowieso manchmal, wenn einer wie Oscar Roméro von einem Papst ausgeschimpft (Johannes Paul II.) und vom übernächsten Nachfolger (Franziskus) heiliggesprochen wird. Beim Zusammenprall im Himmel wäre ich gerne dabei... Ob da jemand bereit ist, seinen Irrtum zuzugeben?
Alle diese Personen, Männer und Frauen, sind wie Blattgold im Himmel. Der herbstliche Schein einer winterlichen Kirche, die durch alle Jahrhunderte hindurch auf der Suche nach den Spuren Jesu war, und sie allzuoft mit denen eigenen Fußabtritten im Schlamm der Zeit verwechselt hat.

Reformationstag und Allerheiligen - das werden zwei Traditionen für mich, die ich nun "lokal" neu füllen muss. Doch mein Blick auf das Fenster verrät mir dann noch etwas. Da ist das Kreuz, das die Glasscheiben teilt. Wie in der Realität: Katholisch, evangelisch, orthodox und angelikanisch. Aber teilt das Kreuz wirklich die Konfessionen? Hält es nicht doch die Spannung aus, wie schon einmal? Der Blick durch das Kreuz hindurch zeigt mir den Himmel und das Blattgold ... jene Menschen, die wirklich mit Überzeugung Christ bzw. Christin waren. Es mag ohne Kirche gehen, nicht aber ohne Gott.