Aufgebrochen

Beim Autofahren durch eine bewaldete Allee hat sie mir einen riesigen Schrecken eingejagt. Ich dachte schon, die Frontscheibe sei gesprungen. Ein Anschlag? Steinschlag? Nein: ein Nuss-Schlag. Eine Nuss - Kastanie? Haselnuss? - fiel mir volle Kanne bei 80 km/h auf die Autoscheibe. Aber kein Schaden. Nur ein Bäääännng!
Beim Spaziergang dann im Wald: Eine aufgebrochene Schale am Wegrand. Offen liegt sie da. Der Inhalt - verschwunden, beim Aufprall vielleicht irgendwo zur Seite gefallen... Ich weiß, es klingt komisch. Aber: Bei der Geburt ist es ähnlich. Die schützende Hülle bricht mit einem Mal einfach so weg. Unser Wellness-Wohlfühltempel namens Fruchtwasserblase. Die Nuss wird geknackt... gewissermaßen. Nackt und bloß liegen wir dann da, vor allem: hilflos, ohnmächtig. Die schützende Hülle ist verschwunden und wird sich nie wieder so um uns schmiegen, so eng anliegen, wie es vorher war. Ab jetzt müssen wir selbst klarkommen.
Die erste Schutzhülle, die wir dann trugen, waren Windeln, später Kleider. Sie schützen uns vor Kälte, Hitze und Scham. Aber im Laufe des Lebens eignen wir uns dann wieder Masken an, damit wir eine Schutzhülle besonderer Art haben. Denn: wer immer sein wahres Gesicht und Wesen zeigt, prallt auf, eckt an, irritiert - das kommt nicht immer gut an. Es ist wie der Knall auf der Frontscheibe: bääänng!
Menschen wenden sich von dir ab. Andere sagen: Du bist ehrlich und authentisch! Das Leben ist schon eigenartig. Aber ich gestehe: ich möchte in keine Schale der Welt mehr zurück! Es lebt sich gut: aufgebrochen...