Und dann war es einfach nur still

Mitten in Berlin. Treiben in der U-Bahn, lachende, schwatzende Schülergruppen, Menschen aller Sprachen unterhalten sich laut, Fremdenführer rufen dazwischen, halten den Schrim über die Köpfe zur Wiedererkennung. Ich durchschreite nach langen Jahren zum ersten Mal wieder das Brandenburger Tor. Wegen der Fanmeile und den großen Leinwänden ist es ohnehin nur an einer Seite möglich. Wenige Augenblicke zuvor stand ich noch vor dem "Reichstag", bewundernd, nachdenklich, die Geschichte in Erinnerung rufend.
Jetzt bin ich eingetreten. In den Raum der Stille. Wie vor fast 20 Jahren. So lange gibt es diesen Raum schon. Er hat sich nicht verändert. Kein Kreuz, kein religiöses Zeichen anderer Art, nur dieser Wandbehang, ein Wandteppich, beleuchtet an einer Stelle. Doch im Raum selbst herrscht absolute Stille. Minutenlang sitze ich so da. Wage kaum zu atmen. Mit mir sind andere Touristen im Raum. Ganz wenige von den Zigtausenden verirren sich hierher. Und doch lässt das Gästebuch am Eingang erahnen, dass es tagsüber doch wieder unerwartet viele sind.

Viele Gedenkstätten gibt es in Berlin: für Holocaustopfer, für die Maueropfer und für jene, die aus anderen Gründen verfolgt wurden, z.B. auch jene, die Widerstand leisteten gegen das NS-Regime. All das füllt diesen Raum der Stille plötzlich. Innerlich wird es laut in mir. Doch der Raum bleibt still. Ein stummer Zeuge gegen den Lärm der vielen Jahrzehnte.